Ich wache einfach so auf, die Nacht war ruhig und ich habe trotz des
Regens gut geschlafen. Die Sonne scheint, ich habe mal wieder
richtigrum aufgebaut: der Zelteingang zeigt zur Sonne und der Roller
steht - wie immer - davor. Ein Blick in die andere Richtung - die
Wetterrichtung - zeigt - wie immer - drohende dunkle Wolken. Ich warte
erstmal ab und koche Kaffee. Der, den ich gestern gekauft habe,
schmeckt sehr gut. Komischerweise ist er nicht vakuumverpackt. Es gibt
ihn hier in 5 Stärken, jeweils mit Nummern und verschiedenen
Farben gekennzeichnet, meiner ist "medium strong", Stärke 4.
Als ich um 11 fast trocken reisefertig bin, fängt es an zu
regnen.
Ich nehme meine drei Gepäckstücke wieder vom Roller
ab,
verziehe mich damit in die überdachte Abwaschecke und schalte
das
Radio ein, um womöglich einen Wetterbericht zu erwischen. Ich
bekomme auch einen, aber der verheißt nichts Gutes, zumindest
nicht für die Gegend, für die die Aussichten gesendet
werden
und die Gegend habe ich nicht mitgehört. Da ist von Katzen und
Hunden die Rede und von einigen Überschwemmungen und Gewitter
sollen auch dabei sein, verbunden mit heftigen Windböen. Bei
mir kommt nach 20 Minuten die Sonne wieder hervor, ich binde sofort
das Gepäck an den Roller und mache mich auf den Weg nach Edinburgh
durch die Southern
Uplands. 3 Meilen weiter bin ich um den Berg herum
und vor mir baut sich eine schreckliche Regenfront auf. Nicht viel
weiter steht eine alte dicke, dichtbelaubte Kastanie am Weg und dort
stelle ich mich so schnell es geht mit dem Roller unter. "Unter" geht
dann aber auch sofort die Welt, Noah hätte seine helle Freude
gehabt, es prasselt nicht nur Katzen und
Hunde, sondern auch Kühe, Pferde und Elefanten. nach 5 Minuten ziehe ich die blauen Müllsäcke hervor und decke mein Gepäck damit ab, nach weiteren 5 Minuten bin ich klatschnass und kann direkt vor mir die Entstehung von reißenden Strömen erleben.. "Danke" an den Erfinder von GoreTex! (Meine Schuhe sind glücklicherweise auch damit ausgerüstet.)
Eine geschlagene Stunde stehe ich so unter der Kastanie, jetzt kommt die Sonne wieder zum Vorschein, der Regen braucht allerdings noch 5 Minuten, um sich zu verziehen. Ich fahre weiter.
Die folgende Fahrt entschädigt mich für alles: die Sonne scheint und eine Stunde später ist der Parka wieder trocken. Die Straße ist gut und verläuft genau so schön wie gestern, die Sicht nach dem Regen ist ausgezeichnet, den Roller stört eh' nichts und wir beide stören nur die Schafe auf der Straße. Hier kann man auch mit einem 100 PS-Motorrad nicht schneller fahren, als ich, denn die Tiere sind unberechenbar: es steht nicht fest, ob sie sich bewegen, wenn man vorbeifährt und wenn doch, ob sie sich nach links bewegen, wenn sie auf der linken Straßenseite stehen oder doch lieber nach rechts über die Straße und umgekehrt. Die Schafe habe ich nicht gezählt, aber die Fahrzeuge, die ich gesehen habe: ich bin bis "1" gekommen, ein Auto, dessen Fahrer mich vorbeigewunken hat.
Auf der Karte sind einige Dörfer am Weg eingezeichnet, doch diese "Dörfer" entpuppten sich als einzelne verstreute Höfe, kein geschlossenes Dorfbild, mithin auch kein Laden und schon gar keine Tankstelle. Die brauche ich jetzt bald, denn ich bin schon 220 Kilometer gefahren. Aber die Straße, die ich mir ausgesucht habe, kreuzt das Tal des Yarrow Water und an dem Bach verläuft eine A-Road entlang. Am Kreuzungspunkt liegt das Dorf Mountbenger, ich kann es als Häuseransammlung von weitem erkennen, dort muss es eine Tankstelle geben. Ich lasse den Roller beim Bergabfahren im Standgas laufen, um Sprit zu sparen und komme so in den "Ort". Dort an der Kreuzung steht ein Inn mit Tischen und Stühlen an der Straße und einer Zapfsäule auf der anderen Straßenseite. Neben den Tischen stehen drei moderne Motorräder mit deutschen Kennzeichen, die entsprechende Besatzungen - drei Paare in meinem Alter - sitzen an den Tischen bei Kaffee und Kuchen und einer begrüsst mich, bevor ich noch "Moin" sagen kann mit den Worten "Schau an, eine Zündapp Bella". Ich bin sprachlos ...
Die
"Zapfsäule" entpuppt sich als Werbeträger ohne
Funktion
seit "long time ago". Aber der Fahrer der Goldwing kann mir helfen: er
geht zu seinem "Schiff", zieht lässig einen Stift aus der
Brusttasche und tippt kurz auf dem Navigationsgerät herum.
"Hier
lang nach Innerleithen,
das sind nur 9 Meilen, dort links abbiegen, da
sind zwei Tankstellen. Und wenn Du mit dem Sprit nicht hinkommst, wir
fahren da auch bald hin, dann gabeln wir Dich auf." Ich komme hin! (Es
war noch genau ein halbes Wasserglas Benzin im Tank.)
Kurz hinter Innerleithen kommen
mir in
einer unübersichtlichen
Rechtskurve 2 alte Motorräder entgegen, allerdings auf meiner
Straßenseite. Wir können einen Unfall gerade noch
vermeiden
und als mein Roller steht, drehe ich mich um und sehe noch 2 deutsche
Kennzeichen verschwinden. Schade, ich hätte mich gern mit den
beiden unterhalten. Nicht über den Vorfall, das kann
passieren,
wenn man als Rechtsfahren-Gewöhnter auf solch einsamen
Straßen unterwegs ist.
Eine Brücke auf dem Weg wird gerade renoviert, die
entsprechende
Straße ist gesperrt. Aber weil ich gern da lang fahren
möchte, suche ich nach Lücken. Doch der Weg
für
Füßganger und Radfahrer ist für den
bepackten Roller 10
Zentimeter zu schmal und die Furt (für die Baumaschinen) ist
mit
Ketten verschlossen. Deshalb muss ich einen Umweg fahren und komme
etwas später aber dafür im Regen an der Stadtgrenze
von Edinburgh
an. Ein Campingplatz ist auch schnell gefunden, aber der liegt
an der Hauptstraße unter einem Eisenbahnviadukt und ist mir
zu
laut. Außerdem ist auf der Karte eine Campingsite eingemalt,
die
fast unmittelbar am Forth liegen soll - allerdings auf der anderen
Seite der Stadt. Aber da muss ich ja sowieso irgendwann hin und weil es
früh am Tag ist und der Regen nach einer halben Stunde wieder
aufhört, fahre ich dorthin.
Ich habe keine Lust, bei miesem Wetter
durch eine mir unbekannte Stadt
zu kreuzen, und benutze den Autobahnring. Großer Fehler: die
Autobahn kenne ich nämlich auch nicht und sie ist im Westen am
Flughafen ziemlich heftig verschnörkelt. So fahre ich den
Schildern "Forth Road
Bridge" nach und das sind sicher 20 Meilen mehr,
als ich vorgehabt habe. Ich lande tatsächlich an der
Brücke
und muss von dort aus wieder zurück an den Nordrand der Stadt
in
den Stadtteil Cramond.
Die Sonne scheint zwar nicht, aber die Berge,
die Edinburgh
im Süden abschließen, sind von
überall zu
sehen und deshalb eine gute , wenn auch grobe Orientierungsmarke. Ich
finde den Platz, die Frage nach Lauriston
Castle hilft dabei.
"The Caravan Club Site Edinburgh" ist
ein großer Platz,
hauptsächlich für Wohnmobile und Wohnwagen, aber eine
Ecke
für Zelte gibt es auch. Letzterer ist so nass, dass ich den
Roller
nicht vor das Zelt stellen kann, er muss auf dem Parkplatz bleiben. Es
gibt aber - welch ein Luxus - einen glasüberdachten Platz zum
Essen mit Edelstahltischen zum Kochen und Holztischen und
Bänken
zum Essen. Super! Leider fegt der Wind so um die Glaskanten, dass ich
mit Mühe den Kocher in Gang halten kann. Im Prinzip gehört der Platz
zu den ruhigsten
überhaupt, weil
keine Hauptstraße auch nur in der Nähe ist. Aber
findige
Leute haben herausgefunden, wie man das ändern kann und so
wurde
extra der "International Airport Edinburgh" gebaut und zwar genau so,
dass die Einflugschneise über den Platz hinwegführt.
Heute
habe wir Glück: der Wind kommt von Westen und deshalb kommen
nur
die landenden Flugzeuge über uns entlang, die sind viel
leiser,
als die startenden.
Während ich dort mein Abendbrot esse, versuche ich, trotz der
Flugzeuge Radio zu hören und wieder ist was von
Wolkenbrüchen
in England zu hören und von Überschwemmungen.
Trinkwasserreservoirs sind dadurch verdreckt worden, Trinkwasser wird
knapp, Strommasten sollen umgefallen sein und ähnliches. Alles
in
allem: Katastrophe hoch drei. Und ich war gerade noch dort...
22 Uhr: ich habe es mir gerade im Schlafsack gemütlich
gemacht, da
höre ich von draußen Krach, ich denke mir, ich schau
mal
nach und da: es ist ein Trupp von 3 Dutzend französischer
Jugendlicher, die gerade erst mit dem Zug angekommen sind. Sie bauen
ihre Zelte auf und gegessen haben sie auch noch nicht. Dagegen sind die
Flugzeuge lärmtechnisch gesehen ein Dreck ...