Seit halb sechs bin ich im Halbschlaf,
weil nebenan ein kleines Kind
heult. Außerdem regnet es! Auf diesem Campingplatz gibt es
einen
kleinen Frühstücksraum mit Spülbecken,
Mikrowelle,
Wasserkocher und Toaster. Bei diesem Wetter ist das
äußerst
angenehm und hilft, Spiritus zu sparen. Dort treffe ich zwei
17jährige aus Leverkusen, die hier wandern und wir unterhalten
uns. Es ist das erste Mal nach 2 Wochen, dass ich wieder deutsch
spreche, ich träume ja inzwischen schon auf englisch.
Um 11 tröpfelt es nur noch und ich fahre los. Zuerst versuche
ich
noch,das nördliche Ende von General Wades
Militärstraße
zu finden, aber es fängt wieder an zu regen und ich
beschließe, dass mich die Straße nicht mehr
interessiert,
ich will nur noch nach Hause ins Trockene: also ab nach Fort William.
20 Minuten später ist es wieder trocken und ich fahre weiter.
Zuerst über eine Brücke des Kanals, dann erforsche
ich, ob
ich den Weg auf der Nordseite des Loch
Lochy auch mit dem Roller
befahren kann. Aber der Great
Glen Way ist Wanderern vor- behalten. Also
wieder zurück und weiter auf der A-Road. Am Ende dieses Lochs
steht direkt an der Straße das Commando Memorial,
eine
Gedenkstätte für die "Offiziere und Mannschaften, die
während es 2. Weltkrieges starben, dieses Land war ihr
Trainingsstätte".
Hier kreuze ich den Kanal
wieder und fahre auf der Nordseite
Nebenstraßen entlang in ein Abzweigtal, in dem das Loch Eil
liegt. Am Ende dieses Sees kann man in Glenfinnan ein
Eisenbahnviadukt
besuchen, das schon um 1900 gebaut wurde. Gegenüber entdecke
ich
The Glenfinnan Monument,
dort steht seit 1815 ein echter Highlander im
Kilt auf einem Turm im feuchten Wetter und erinnert an irgendein
für die Schotten wichtiges Ereignis.
Für
die Fahrt zurück habe ich den Weg auf der Westseite von Loch Eil
und der Nordseite von Loch
Linnheausgeguckt. Am Ende des
letzteren gibt es eine Fähre über das Wasser, das
hier
bereits dem Atlantik entstammt - eigentlich könnte ich mal
wieder
eins von den wenigen Fährenbildern machen. Aber ich fahre seit
15
Kilometern auf Reserve und die Karte verrät mir, dass mein
Wunschweg etwa 40 Kilometer lang ist. Das ist mir zu riskant
und
deshalb fahre ich ganz einfach auf direktem Weg nach Fort William.
Vorher schaue ich mir noch die Schleuse am Westende des Caledonian
Canal in Banavie
an. Allerdings sind die 8 Schleusenbecken in Reihe - Neptuns Staircase
- so einfach fotografisch nicht einzufangen und ich
wende mich dem Nationalberg der Schotten zu, dem Ben Nevis oder "The
Ben", wie er hier genannt wird, mit 1344 Metern der höchste
Berg
der britischen Inseln. Aber auch hier kann ich wenig mitnehmen, nur was
die tiefhängenden Wolken übriglassen.
In Fort William
mache ich wie üblich in der
Fußgängerzone Pause und schreibe meine
Pflichtpostkarten.
Und dazu muss ich noch was erzählen: Das Geburtstagsgeschenk
meiner Kinder bestand aus einem Bogen Aufkleber, die wie Briefmarken
aussahen, aber als Bild meinen Kopf hatten und als Wertzeichen ein
"1st". Alle Überzeugungskraft meiner Kinder
war
nötig, mir
glaubhaft beizubringen, dass es sich dabei um echte gültige
Briefmarken der britischen Post handelt, ein Service, den man via
Internet bestellen und bezahlen kann. Diese "Briefmarken" klebe ich
jetzt auf die Postkarten und vertraue auf die Kinder. So ganz glauben
kann ich das mit dem "gültige Marken" immer noch nicht, ich
habe
doch selbst zu oft in Kapitän-Blaubär-Art den Kindern
den
größten Blödsinn mit ernstester Miene
erzählt ...
Nach der Pause und dem Tanken mache ich mich auf den Weg: erst zu der
bereits erwähnten Fähre und dann zum Loch Leven, das
auf der
Südseite des Ben
Nevis liegt. Der Campingplatz bei Glencoe ist
nicht weit von der Hauptstraße entfernt, aber weil es noch
früh am Tag ist, fahre ich einmal fast rum um Loch Leven. Eine
tolle Straße, genau richtig, um mit solchen Fahrzeugen, wie
dem
meinen, Rennen zu fahren. Gute Fahrbahn, enge Kurven, reichlich rauf
und runter, aber nicht zuviel für diese PS-Klasse.
Äußerst bedauerlich, dass ich wegen des
Gepäcks die
Kurven nicht ausfahren kann. Andererseits gut, denn seit der
Fähre
regnet es wieder!
An der Nordseite des Loch
Leven liegt die Straße direkt am
Wasser, auf der Südseite war der Bau am Wasser wegen der
steilen
Felsen nicht möglich, hier liegt die Fahrbahn im Berg,
entsprechende Steigungen und Gefälle sind die Folge. Die
Gefälle sind derartig steil, dass es mir schon viel Mut und
Rollervertrauen abfordert, das Gas stehen zu lassen ...
Kurz vor Glencoe
- in meiner Fahrtrichtung gesehen - hat es irgendwann
in grauer Vorzeit einen Bergrutsch gegeben. Die entstandene
Muräne
trägt jetzt den Campingplatz, der dadurch direkt am Wasser
liegt.
Hier schlage ich für die Nacht mein Lager auf.
Direkt am Wasser leben auch am liebsten die Viecher, die man Midges
nennt, hier ist es die "Highland Midge ",die zu den beißenden
zählt, kleine Fliegen, die in Massen hier in der Luft schweben
und
sich auf alles stürzen, was irgendwie nach Blut riecht. Die
Platzbewohner mit Erfahrung laufen hier wie Imker herum, mir fehlt die
entsprechende Ausrüstung. Aber schnell lerne ich, dass ein
langsam
gehender Fußgänger schneller ist, als die Midges
fliegen
können. Also gehe ich am Wasser spazieren.
Das Loch Leven
ist "Tidegewässer" (es gibt Ebbe und Flut), es
ist
direkt mit dem Atlantik verbunden. Die Stelle des Sees, an der ich mich
befinde, ist durch den Erdrutsch eng und deshalb fließt das
Wasser hier mit etwa 4 Knoten vorbei. Das lockt die Lachse an, sie
stellen sich einfach in der Engstelle in die Strömung und
lassen
sich das Essen ins Maul schwimmen. Das wissen aber auch die Angler ....
Später im Zelt lerne ich noch etwas über die Midges:
die
Hersteller von Zelten haben keine Ahnung, wie klein diese Tiere sind,
denn die Fliegen sind kleiner als die Insektengaze des Zeltes. Zum
ersten Mal rauche ich im Zelt, das hilft!