9 Uhr 30: bis vor einer halben Stunde hat es geregnet, jetzt ist es nur
noch dunkel bewölkt, der Wetterbericht von BBC-Scotland
begeistert
auch nicht. Dafür ist den Engländern jetzt das ganze
Ausmaß der Unwetterschäden bewusst geworden, man
spricht
jetzt offen von einer Katastrophe und ruft den entsprechenden Alarm
aus. Ich sitze jetzt hier im nassen und kalten Edinburgh und muss zu
mir selbst sagen: "Was hast Du doch für ein Schwein gehabt,
Hartmut". Denn ich bin kurz vorher da durch ...
12 Uhr: Es hat keinen Zweck, noch
länger zu zögern, ich muss
weiter und fahre deshalb trotz der Wolken und der Kälte los.
Denn
ich habe ja jetzt wieder einen Termin: Dienstag um 16 Uhr an der
Fähre und vorher am Loch Ness ein Foto machen. Ab Perth
brauche
ich keine Straßen mehr zu suchen, es gibt nur die eine, die
Bundestraße A9 bzw. Europastraße E 15. Sie
führt
geradewegs auf das Loch Ness zu und teilt sich vor den Monadhliath
Mountains. Dort muss man sich für "Rechts" entscheiden, was
einen
nach Inverness bringt am Ostende des Loch Ness oder für
"Links",
so erreicht man Fort Augustus am Westende. Ich entscheide mich
für
"Geradeaus" über den Bach Spey.
Bei meinen Recherchen für diese Reise bin ich in GoogleEarth
auf
den Straßennamen "General-Wades-Military-Road"
gestoßen.
Diese "Military-Road" führt über die
erwähnten Berge mit
dem unaussprechlichen Namen direkt nach Fort Augustus und das ist mein
Ziel am Loch Ness. Also habe ich ein wenig weiter geforscht: der
General bekam um 1720 den Auftrag, Wege nach Schottland zu bauen mit
allem, was dazu gehört, vermutlich, damit die
Engländer die
Schotten besser in Schach halten konnten. So entstand durch ihn und
seine Leute Anfang des 18. Jahrhunderts unter anderem die erste A-Road
nach Fort Augustus. Ich beschloss während dieser Recherche,
doch
mal zu sehen, was von der Arbeit des Generals übrig geblieben
ist
nach fast 300 Jahren. Deshalb fahre ich jetzt über den Spey,
weil
hier die Straße eindeutig verlaufen sein muss. Wer sich
selbst
mal dort umsehen möchte: Am Dorf Laggan über den
Spey,
dahinter links und der Straße folgen.
Die Straße ist zuerst eine
ganz normale alphaltierte
Single-Track-Road, die sich am Bach lang schlängelt, um einen
See
herum verläuft, mal diesen, mal jenen Hof berührt.
Ungefähr am Dorf Garvamore treffe ich auf ein
untrügliches
Zeichen der alten Military Road: eine Soda-Brücke aus
Feldsteinen
gebaut, die sicher sehr alt ist. Eine Soda-Brücke ist eine,
die
einfach "so da" steht und diese Brücke steht eben einfach so
da
auf einem Feld nur wenige Meter abseits der Straße und kein
Bach
fließt unter ihr lang. Die einzigen, die diese
Brücke auch
heute noch benutzen, sind die Schafe hier auf der Weide. Heute benutze
ich sie, ich kann es mir nicht verkneifen, den Roller für ein
"Beweissicherungsfoto" oben drauf zu stellen.
Weiter geht es, bis ich an ein Viehgatter komme, in diesem Falle ein
normales Gatter, das ich erst öffnen muss, um dann
durchzufahren.
Als ich es hinter mir wieder schließe, kommt von oben - also
mir
entgegen - ein Pkw mit einer 4 köpfigen Familie und
hält
neben mir. Die Frau beugt sich aus dem Fenster und fragt, ob ich "the
bothy" suche. Ich kann mit dem Wort nichts anfangen und sie
fängt
an, zu beschreiben. Sie spricht sicherlich sehr gutes Gälisch,
aber ich nicht und deshalb verstehe ich am Ende soviel, dass ich da
schlafen kann und dass das ein Haus oben links an der Straße
ist.
(Wikipedia: "A bothy is a basic shelter, usually left unlocked and
available for anyone to use without charge.").
Ich fahre also nach einem freundlichen
"Danke für die Information"
weiter und nur 100 Meter weiter wird die Straße ein
Schotterweg,
der schnurgerade in die Berge führt. Als ich für ein
Foto
absteige, sehe ich einen halben Kilometer weiter ein kleines Haus an
der Straße. Ob es das ist?
Ich fahre weiter und sehe vor dem Haus
eine Brücke in der Straße. Sie ist baugleich mit der
von
eben und sie steht jetzt auch so da mit dem Unterschied, dass ein Bach
unter ihr lang fließt. Der Weg hat eine neue Brücke
neben
der alten bekommen und damit niemand über die alte
fährt,
liegt auf den Zufahrten je ein großer Felsblock.
Offensichtlich
Denkmalschutz.
Jetzt
sehe ich mir das Haus an, aus den gleichen Steinen gebaut, wie
die Brücke und gleich alt. Die Tür auf der Wegseite
ist durch
ein Vorhängeschloss abgesperrt, auf der anderen Seite finde
ich
die eigentliche Haustür, die nur durch einen Schieberiegel
zugehalten wird. Ich trete ein und bin im Hauptraum.
Hier
finde ich
eine offene Feuerstelle, 2 alte Tische und 6 Stühle, alle
verschieden. In diesem Raum gibt es noch eine Tür, ein Schild
hängt daran: "General Wades Office" und im kleinen Raum
dahinter
befindet sich nichts außer dem Bild des Generals an der Wand
mit
einer kurzen Erklärung, wer er war.
Ich bin spachlos (gut, dass ich allein bin), nicht nur habe ich die
"military road" gefunden, auch General Wades Bürohaus und weil
mir
jetzt klar wird, was ein "bothy" sein muss, steht fest: hier
übernachte ich - heute hat das Zelt Pause! Auf dem Tisch liegt
ein
Buch, ein Jahreskalender 2007 mit je einer Seite pro Tag. Hier tragen
alle, die das Haus besuchen, ihre Anwesenheit ein mit Anmerkungen, wie
sie hierher kamen, warum sie hier waren und wie sie es hier fanden. Ich
koche mir Tee - natürlich mit Wasser aus dem Bach - esse mein
Abendbrot und lese das Buch: spannend! Als ich das Radio für
einen
Wetterbericht anmache: kein Empfang auf UKW, dafür kann ich
die
Lage im Irak und in Afganistan via Deutsche Welle verfolgen. Handy:
Null, nichts, Mikrowellen ist es hier zu einsam!
Später schlage ich mein Bett im Büro von Herrn Wade
auf und
versuche zu schlafen. Und stelle fest: nach all dem Lärm, den
ich
auf den Zeltplätzen in den letzten Tagen ertragen musste, ist
es
hier viel zu still. Es ist nichts zu hören. Und mit "nichts"
meine
ich "nichts"! Einfach gar nichts! Kein Vogel, kein Schaf, Bäume
sind
nicht da, es regnet nicht, keine Maus im Haus. Als ich nochmal auf dem
Weg zum Pinkeln durch das "Wohnzimmer" gehe, macht meine mechanische
Taschenuhr in der Hosentasche dort einen Höllenlärm.
Nicht
falsch verstehen: die Uhr ist nicht lauter als sonst, aber nach 3 Stunden Stille habe ich ein anderes Hörempfinden.